IVU & VU-ARGE Managementtagung: Volles Haus – mit Themen am Puls der Energiewirtschaft
Rund 70 Führungskräfte aus der Energiewirtschaft waren der Einladung zur Managementtagung gefolgt, die in diesem Jahr in Hamburg stattfand. Die Veranstaltung bot nicht nur hochkarätige Vorträge und eine Paneldiskussion, sondern auch zahlreiche Gelegenheiten für spannende Diskussionen und Gespräche.

Paneldiskussion: Zukunftsfelder erfolgreich besetzen
Unter der Moderation von Geschäftsführer Julian Stenzel widmeten sich Christian Meyer-Hammerström, BDEW-Vizepräsident und Geschäftsführer der Osterholzer Stadtwerke und Andreas Wulff, Vorstandsvorsitzender des VSHEW und Geschäftsführer der Stadtwerke Brunsbüttel einigen aktuellen strategischen Fragen, die die Versorgungsunternehmen derzeit umtreiben.
Auch wenn die Besetzung des Wirtschaftsministeriums mit einer Führungspersönlichkeit aus der Energiewirtschaft die Erwartung schürt, dass die Branche künftig fachkundiger berücksichtigt wird, bleiben angesichts der Ankündigungen der Regierung Fragen offen. Wie schnell lassen sich 20 neue Kraftwerke bauen und in Betrieb nehmen? Wie können die Netzentgelte um 5 Ct gesenkt werden? Bei den Themen Ausbau der Erneuerbaren, Netzausbau und Speicherlösungen besteht Konsens, dass sich hier ein Engagement für Stadtwerke lohnt. Die Ausgestaltung der Wärmenetze und der Einsatz von Wasserstoff sind im Vergleich dazu weitaus weniger klar. Wie sicher sind die Erlöse? Wird jemals genug grüner Wasserstoff verfügbar sein, um Einfamilienhäuser zu beheizen? Eher noch seien wasserstoffbetriebene BHKW denkbar, die Nahwärmenetze versorgen.
Julian Stenzel sieht die heutige Energiewirtschaft folgerichtig im Spannungsfeld eines neuen Dreiecks von Innovation, Stabilität und Risiko. Ob Digitalisierung, Erschließung neuer Geschäftsfelder oder Pflege der Kundennähe: Angesichts immer weiter steigender Komplexität zeigt sich, dass Kooperationsmodelle immer wichtiger werden. Denn für die einzelnen Unternehmen wird es zunehmend schwieriger, alle Aufgaben allein zu bewältigen.
Einig ist man sich darin, dass Verbände wie die VU-Arge den Kooperationsgedanken stärken und dass ein direkter Austausch zwischen den Versorgungsunternehmen notwendig und gut ist. Konzepte wie das MSB-Sharing würden gut funktionieren, so Wulff, wenn man sich dabei auf einen Partner wie die IVU respektive MeterPan verlassen könne.
KI: Nachhaltige und innovative Lösungen in der Otto Group
Anja Körber, Head of AI & Automation bei der Otto Group, konnte aus einer Unternehmensgruppe berichten, in der bereits zahlreiche KI-Anwendungen im Einsatz sind. Mit einem e-Commerce-Umsatz von über 10 Milliarden Euro gehört die Otto Group zu den weltweit größten Online-Händlern.
Die Otto Group hatte sich, wie viele andere Unternehmen auch, aus Datenschutzgründen schon früh dazu entschieden, KI-Lösungen auf der Basis von eigenen Daten zu entwickeln. Aus Sicht von Anja Körber zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass die Nutzung von KI-Assistenten sowohl bei der persönlichen Unterstützung von Mitarbeitern, als auch in der Kundenbetreuung große Potenziale bietet, die man durchaus bereits heute nutzen sollte. In der Otto Group kommen KI-Assistenten in sechs Bereichen zum Einsatz: Mitarbeiter-Produktivität, Produktentwicklung, Logistik, Kunden-Erfahrung auf Webseiten, Customer Care, CRM und Marketing.
Am Beispiel eines KI-Beratungsassistenten für die Marke Manufactum lässt sich zeigen, wie man kundenorientierte und verkaufsfördernde Beratung digital umsetzen kann. Die Kundenzufriedenheit ist tendenziell immer dann gegeben, wenn ein Kunde im Kontakt für das „Problem“, das er hat, eine passende Lösung bekommt. Die Messlatte liegt bei technisch interessierten Kunden hoch. Positive Effekte des digitalen Beratungsassistenten sind zum Beispiel die kürzere Beantwortungszeit von Anfragen, die Erhöhung der Servicequalität sowie die Entlastung von Mitarbeitenden im Kundenservice.


Mehr Wettbewerbsfähigkeit durch moderne IT-Systeme
Steffen Conzelmann, Geschäftsführung IVU, machte in seinem Vortrag deutlich, dass gerade in der jetzigen Entwicklungsphase der Versorgungsunternehmen den IT-Systemen eine entscheidende Bedeutung zukommt. Deren Potenzial könne heute aber oft noch nicht voll genutzt werden – etwa, weil die Datenqualität nicht gut ist. Eine Optimierung der Datenqualität kann sich zusätzlich dadurch auszahlen, dass saubere Daten sich als strategisches Asset nutzen lassen. Nicht zuletzt aus dieser Einsicht heraus verfolgt die IVU den Ansatz, die Verbesserung der Datenqualität direkt im KIC zu implementieren.
In den vergangenen Jahren sind EVU immer wieder gezwungen gewesen, in die Umsetzung von gesetzlichen Regelungen zu investieren. Dies hat dazu geführt, dass die eigene Innovationsfähigkeit vernachlässigt wurde. Moderne IT-Systeme können dabei helfen, diesen Rückstand wieder aufzuholen. Wenn Prozessketten in ihrem Zusammenspiel verstanden werden, lässt sich durch Automatisierung ein deutliches Plus an Schnelligkeit und Effizienz erreichen.
Integrierte Energiekonzepte im Fokus: Enpal als Kooperationspartner
Dr. Wim Drozak, Geschäftsführer von Enpal MSB, stellte in seinem Vortrag die Messstellenbetriebs-Sparte von Enpal vor. Das Unternehmen Enpal ist als Anbieter von Solaranlagen und Wärmepumpen für Privathaushalte längst ein bekannter Player im Markt. An einem bestimmten Punkt der Unternehmensentwicklung hat man beschlossen, per Ausgründung die Rolle des MSB abzubilden und intelligente Messsysteme auszurollen. Entsprechend hoch ist die unternehmenseigene Quote: Rund 90% aller Enpal-Kunden haben ein intelligentes Messsystem im Haus. Der Rollout, so Drozak, wird in Kürze die 50.000er-Marke erreichen.
Diese Werte und die damit einhergehenden Erfahrungen und potenziellen Synergieeffekte machen Enpal MSB zu einem interessanten Kooperationspartner für die kommunale Versorgungswirtschaft. Vor allem im Bereich der Fehleranalyse und Fehlerkorrektur kann das Unternehmen von hochspannenden Entwicklungen berichten. Denn anfangs sendete nur ein kleiner Bruchteil der installierten Systeme saubere Werte an den ÜNB. Die Gründe dafür lagen in der enorm schnell gestiegenen Komplexität innerhalb der Prozesskette: immer mehr Systeme, mehr Partner im Kommunikationsfluss und eine exponentiell steigende Anzahl von zu verarbeitenden Messwerten.
Erst eine automatisierte Stammdatenbereinigung führte zum Erfolg. Waren anfangs 71% der Daten fehlerhaft, konnte die Fehlerquote in 9 Tagen auf 0,4% reduziert werden – bei 80.000 Messstellen. Im laufenden Betrieb stellte man fest, dass immer wieder neue Fehler ins System gespült werden. Eine kontinuierliche Stammdatenreinigung ist daher notwendig. Auch wenn bei den KMU in der Versorgungswirtschaft nicht so hohe Messstellenzahlen im Raum stehen, so kann Enpal MSB neben dem Vorteil von Synergien auch bewährte und funktionierende Lösungen zu den typischen Problemen des MSB bieten.


Gelebtes Rebundling am Fallbeispiel §14a EnWG
Als verantwortlicher Manager der HORIZONTE-Group AG bringt Dr. Tobias Linnenberg eine umfassende Expertise bei den Netzthemen rund um den §14a des EnWG mit. Was hat es mit dem Schlagwort Rebundling auf sich? Im europäischen Vergleich hat das Unbundling gerade in Deutschland zu einer rein zahlenmäßig sehr starken Ausdifferenzierung geführt: 4 ÜNB und 866 Verteilnetzbetreiber sind absolute Spitzenwerte. Mit den künftigen Anforderungen rund um netzorientierte Steuerung wird auf der Netzebene alles immer mehr miteinander verflochten sein.
Für die Marktrolle des gMSB ergibt sich aus Sicht von Dr. Linnenberg erhöhter Handlungsbedarf. Denn der gMSB steht genau im Zentrum des Spannungsfeldes zwischen den verschiedenen Marktteilnehmern. In der Summe wird es rund 17 Millionen Pflichteinbaufälle geben – das sind rund 33% der heutigen 53 Millionen Zählpunkte. Und die Chancen? wMSB-Unternehmen werden, so Dr. Linnenberg, nicht erfolgreich durch Messdienstleistungen, sondern durch Kombigeschäfte – zum Beispiel mit Wärmepumpen.
Rebundling technisch umgesetzt: praxisnahe Ansätze
Georg Baumgardt, Leiter Produktmanagement IVU, stellte in seinem Vortrag heraus, dass die IVU heute bereits die aktuellen Anforderungen rund um das Messen, Abrechnen und Steuern umsetzt. Die IT-Systeme sind dabei einerseits einer technischen Evolution unterworfen, ebenso aber auch einem regulatorischen Wandel. Als Ergebnis haben wir heute eine hochgradig verteilte und vernetzte Systemlandschaft, die historisch gewachsen ist und sich lebendig weiterentwickelt.
In einer Netzcockpit-Live-Demo mit integrierten Trafostationen, Hausanschlüssen und Leitungen zeigte Baumgardt, wie die vier Kernanforderungen Sichtbarkeit, Messung, Steuerung und Transparenz heute bereits pragmatisch so umgesetzt werden, wie es dem jetzigen Stand der Technik entspricht. Anhand einer simulierten Netzüberlastung wurde ersichtlich, wie die automatische Dimmung auf 4,2 kW Leistung erfolgte und die Verbraucher im Anschluss erst nach und nach wieder hochgefahren wurden.
Die entscheidende Kernbotschaft: Die IVU bietet ihren Kunden heute bereits langjährig gewachsene und erprobte Lösungen zur netzorientierten Steuerung, die funktionieren und kontinuierlich weiter wachsen.
Wärmeversorgung im Wandel am Beispiel der Stadtwerke Quickborn
Die Voraussetzungen für eine Neugestaltung der Wärmeversorgung sind bei den Stadtwerken Quickborn mit besonderen Herausforderungen verbunden. Als Gasnetzbetreiber zählen sie 8000 Kunden, am Fernwärmenetz sind 900 Wohneinheiten angeschlossen – in der Summe sind die Handlungsspielräume daher klein. Aufgrund der Preisgleitklausel erschien der Ausbau des Fernwärmenetzes zunächst attraktiv. Bei Investitionskosten von 3500,- Euro pro Meter ist jedoch fraglich, ob sich ein Ausbau rechnen würde. Auch bei anderen Formen der Wärmeerzeugung stoßen die Stadtwerke Quickborn an Grenzen: So gibt es keine Industrie, die nennenswert Abwärme erzeugt, es gibt keine Gewässer – und für Geothermie fehlen die Voraussetzungen in der Region.
Wie sehen die geplanten Lösungsansätze aus? Dr. Panagiotis Memetzidis, Geschäftsführer der Stadtwerke Quickborn, stellte eine ganze Reihe von Konzeptansätzen vor. Bei der Fernwärme setzt man eher auf Verdichtung als auf Ausbau, also auf die Strategie, mehr Kunden an die bestehende Trasse zu binden. Um die erforderliche EE-Quote bis 2030 zu erreichen, arbeitet man zurzeit mit Großwärmepumpen. Hierbei müssen Probleme mit Schallemissionen berücksichtig werden.
Bei einer Eigenheimquote von 70% erweist es sich als sinnvoll, einen Fernwärmeanschluss mit der Abnahme aller anderen Produkte zu verknüpfen. Für diejenigen Kunden, die Wärmepumpen oder E-Autos anschaffen, wurde ein eigenes Stromprodukt entwickelt. Um die Netzleistung in den nächsten 20 Jahren entsprechend zu steigern, sind die Stadtwerke Quickborn eine Kooperation mit Enercity eingegangen. In Anbetracht der schwer kalkulierbaren künftigen Entwicklungen und der Tatsache, dass die Themen auch für Endkunden immer komplizierter werden, zeigt sich Dr. Memetzidis überzeugt, dass gute Beratung bei der Kundenbindung eine weiterhin wachsende Rolle spielen wird.
Effizienz durch Digitalisierung: smarte Prozesse für morgen
René Quurk, Mitglied der Geschäftsführung der Stadtwerke Steinburg, gab in seinem Vortrag einen spannenden Einblick in die tatsächlichen Effizienz-Effekte von gelebter Digitalisierung. Die Stadtwerke Steinburg kooperieren in einem Unternehmensverbund mit drei anderen Partnern. Die Prozesse liegen zentral in Steinburg. Durch Aufgabenbündelung auf der Basis von Digitalisierung ändern sich Rollenbilder – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Organigramm. Durch eine intelligente Arbeitsorganisation, so Quurk, lassen sich entscheidende Effekte erzielen.
Weil es in Eigenregie zu aufwändig war, hat man die Lagerlogistik ausgelagert. Das war nur unter der Voraussetzung möglich, das Lagermanagement komplett digital zu betreiben. Zu den Vorteilen zählt, dass die Materialkosten sinken und insgesamt weniger Material verlorengeht.
Per Digitalisierung wurde erreicht, was zuvor nie möglich gewesen ist: einen ganzheitlichen Blick auf alle Prozesse zu bekommen. Bei der Umstellung von Arbeitsvorbereitung und Disposition auf digitale Steuerung wurde erreicht, dass viele Prozesse heute parallel laufen können, die zuvor sequenziell abgearbeitet werden mussten. Hinzu kommt, dass die Führungskräfte heute sehr genau wissen, wie lange was dauert.
Bei der Einführung von KI müssen, so Quurk, bestimmte neuralgische Punkte beachtet werden, damit man nicht bei jeden Teilschritt die Instanz der Mitbestimmung einbeziehen muss. Wenn eine Leistungskontrolle durch KI ebenso ausgeschlossen wird wie eine Kündigung, sind die notwendigen Gestaltungsspielräume vorhanden.
Fazit: Austausch, Kooperationen und moderne IT-Lösungen sind entscheidend
Steigende Komplexität der Anforderungen und der Aufgaben auf der einen Seite, gute Möglichkeiten, sich durch Kooperationen stärker aufzustellen und durch IT-Lösungen und KI effizienter zu werden auf der anderen Seite: Die IVU & VU-ARGE Managementtagung hat gezeigt, dass direkter persönlicher Austausch, eine Diskussion komplexer Fragen auf Augenhöhe und neue Perspektiven aus Expertensicht heute noch wichtiger sind als zuvor. Denn im Alleingang und mit Business-as-usual kommen Versorgungsunternehmen nicht mehr schnell genug weiter. Moderne IT-Lösungen werden bei der Transformation der Unternehmen weiter im Zentrum stehen.